KNICK Entdecker und Erfinder des dänischen Kontinents
KNACK Versicherungsmakler und Devisenhändler
KNECK der Dritte im Bunde, norwegischer Schlagerist

Roger Willemsen als er selbst, angeknackster Conferencier
CRAQUELÉ - Reise um den Knacks
The cellar's full of wine
You can no longer drink
Your head is full of thoughts
You don't allow yourself to think.

The cupboard’s full of canned fruit,
Vegetables and meat
Everything is damaged goods,
Like sour grapes gone sweet.

The drawer's full of letters
Overdue to be sent
Stamps no longer valid
And words no longer meant

You saved them for a rainy day
You waited for too long
You thought that saving memories
was the things that made them strong

Obsolete
Like the morning dew beneath your feet
They're obsolete
Like the autumn leaves on the street

The closet's bursting at the seams
With clothes you do not wear
You need to get your life fixed
But a part of you don't care

You've done everything so right
But now it seems all wrong
You played so damn hard
That it turned into a song

You saved it for a rainy day
You waited far too long
You thought that having memories
was the thing that made you strong

But the years are filling out
With the chances you don't take
Your heart is pounding
And you cannot stand the ache

You're obsolete
Like the autumn leaves on the street
Obsolete
Like the morning dew beneath your feet

Your heart is pounding
And you cannot stand the ache, ‘cause

You're obsolete
Like the autumn leaves on the street
Obsolete
Like the morning dew beneath your feet

HOME
Obsolete
Du bist zu warm, ich bin zu kalt.
Du bist zu jung, ich bin zu alt.
Du bist zu arm, ich bin zu reich.
Du bist zu hart, ich bin zu weich.

Ahahahahaaaa...

Du bist zu high, ich bin zu down.
Du bist zu ernst, ich bin n Clown.
Ich bring dich runter, du bringst mich rauf.
Ich mach nich weiter, aber du gibst nicht auf.

Ahahahahaaaa...

Alles Schutt und Asche.
Alles Rauch und Staub.
Alles Trick und Masche
Alles welkes Laub.
Ahaaaaa...
Ich bin müde.

Du denkst nach vorne, ich denk zurück.
Ich zieh das Pech an, du hast nur Glück.
Du bist der Größte, ich bin bankrott.
Ich bin n Teufel, du bist n Gott.
Du bringst das Geld rein, ich schmeiß es raus.
Du gehst durchs Feuer, ich geh nach Haus.

Ahahahaaaa...
Ohohohooo...

Alles Schutt und Asche.
Alles Rauch und Staub.
Alles Trick und Masche
Alles welkes Laub.
Ahaaaaa...
Ich bin müde.

Du kennst die Wahrheit, ich nicht mal dich.
Du bist die Liebe, ich lieb nur mich.
Ich bin verkrampft, du bist so frei.
Du kommst 14: 30, ich um halb drei.

Ahahahahaaaa...

Alles Schutt und Asche.
Alles Rauch und Staub.
Alles Trick und Masche
Alles Rauch und Staub.
Ahaaaaa...
Ich bin müde.
Müde
In der fünften und letzten Ausgabe verlagert “hic@nunc” den Fokus von Außen nach Innen. Der Knacks – das ist die allmähliche Veränderung im Leben: der unmerkliche Verlust von Fähigkeiten, Motivation oder Liebe. Es ist der Haarriss in Beziehungen oder im Verhältnis zu sich selbst. Ein Knacks kann auch durch Gesellschaften verlaufen, wenn sie müde und brüchig werden. Und warum dann nicht auch durch die ganze Menschheit? Der Knacks ist Roger Willemsens schönstes Buch. Und jetzt ist er endlich Thema eines Theaterabends.
mit Falk Rößler, Michael Hiersche,
Special Guest: Roger Willemsen
Musik: Nils Weishaupt
Beiträge: Arne Salasse, Marlene Knobloch, Milan Pešl, Jost von Harleßem
hic@nunc#5:
DER KNACKS

28./29.06.2018

Theaterdiscounter Berlin
von Jost von Harleßem
"Schneller!"
von Milan Pešl & Roger Willemsen
pdf
Knacks-Scores
von Arne Salasse
Download here!!!
Score
"My heart will go on"
Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer,

ich will nicht lange drum herum reden. Ich spreche über den „Knacks“.

Was macht dieses Buch im zehnten Jahr nach seinem Erscheinen noch interessant? Und warum widmen wir ihm gleich einen ganzen Theaterabend? Handelt es sich hier lediglich um eine persönliche Liebhaberei oder hat uns „Der Knacks“ etwas Wichtiges mitzuteilen – vielleicht sogar heute noch mehr als 2008?

Seitdem jedenfalls begleitet mich dieses von Roger Willemsen beschriebene Phänomen und der Begriff, der es auf den Punkt bringen soll, hat sich tief in meinen Wortschatz eingegraben.

Das ist ja schon mal eine Leistung. Roger Willemsen schenkt uns mit dem „Knacks“ einen Begriff – einen, den wir zwar vorher schon kannten, den er aber neu anreichert, auflädt und, sofern man das in diesem Falle sagen kann, konkretisiert. Von einer beiläufigen wird er zu einer vielsagenden Vokabel. Der Knacks kann jetzt eine Chiffre für unsere Kränkungen, unsere Mängelbündel, unsere Versehrtheit sein. Und anstatt Biographien als eine Kette von prägenden Hoch- und Tiefpunkten zu betrachten, können wir mithilfe des Knackses einen neuen Blick auf das Leben erlangen, der dessen feine Bruchlinien nachverfolgt.

Begriffe können also Welten eröffnen. Und in diesem Falle öffnet sich die Welt eines anscheinend nur sehr schwer beschreibbaren Typs von Vorgängen: Veränderungsprozesse, die subkutan verlaufen, die man immer erst bemerkt, wenn sie schon vollzogen sind und von denen man in ihrem Verlauf bestenfalls eine Ahnung bekommt. Solche unmerklichen Transformationen entziehen sich wahrscheinlich zwangsläufig einer einfachen Definition. Sie wollen und können vielleicht gar nicht in ein paar Sätzen hinlänglich erklärt werden. Das schafft auch Roger Willemsen nicht.

Stattdessen schreibt er ein fragmentarisches Essay. Er versammelt ca. 300 Miniaturen – jeweils zwischen acht Zeilen und drei Seiten lang –, bündelt sie in 17 mehr oder minder spezifischen Kapiteln und überlässt uns dieses Flickwerk zum Eigengebrauch. Philosophische Betrachtungen wechseln sich mit Erlebnisberichten, Gedankenspielen und Kulturkritikschnipseln ab. Kein Fragment scheint wichtiger als das andere. Jedes versucht aufs Neue, das Phänomen zu fassen zu kriegen, das dem Buch den Titel gibt.

Wer so oft das Gleiche tut, hat entweder viel zu sagen oder ein Problem. In diesem Falle trifft wahrscheinlich beides zu. Immer wieder nimmt Willemsen Anlauf. Und immer wieder findet er neue Worte, die immer wieder auf etwas zeigen, das sie immer wieder doch nie ganz erreichen. Stets bleibt etwas Schadhaftes, Ungenügendes an dem jeweiligen Versuch, uns mitzuteilen, was „Der Knacks“ denn nun sei. Kein Fragment erschöpft den Begriff, keines reicht hin. Am Ende finden wir uns in einem Panoptikum der Verluste wieder, für das der „Knacks“ der Name sein soll. Aber dieser Name ist von genau derselben Brüchigkeit befallen, die er in endloser Folge zu umreißen versucht.

„Der Knacks“ kommt dabei zuerst vor allem in der Sphäre des Individuellen zum Ausdruck. Im eigenen Leben wird ein Fehlen bemerkt – eine Fähigkeit, eine Motivation, eine Kraft, eine Überzeugung, ein Gefühl ist abhandengekommen und lässt sich nicht wiederherstellen. Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale verblassen oder entwickeln sich nicht wie erhofft weiter. Möglichkeiten, die im Menschen angelegt schienen, werden nicht zur Entfaltung gebracht, stocken oder bilden sich gar zurück. Entsprechend sind die beiden Hauptfokusse in Willemsens Knacks-Panorama die Jugend und das Alter.

In der Jugend verortet er das Aufscheinen der Vitalität in den Menschen. Hier haben sie ungebrochene Überzeugungen und Zutrauen zu den eigenen Potentialen. Erst im weiteren Verlauf des Lebens werden die in dieser Zeit geschürten Erwartungen langfristig enttäuscht, werden Dämpfer verpasst und die Fähigkeiten an ihre Grenzen geführt. Die Vorwärtsbewegung der Jugend wird im Erwachsenenalter ausgebremst.

Im Alter kommt der Knacks dann gewissermaßen ganz zu sich. Hier scheint es, wenn man Willemsen glauben soll, nur noch Schrumpfen und Verlust zu geben: das Verwalten eines unaufhaltsamen Abstiegs, der erst im Tod zum Stillstand kommt.

Zwischen diesen beiden Polen – könnte man sagen – spielt sich also das „echte Leben“ ab, das folglich immer ein beschädigtes Leben ist. Kein Mensch kommt ohne Knacks davon. Und ob man überhaupt einen Einfluss darauf hat, von mehr oder weniger Knäcksen heimgesucht zu werden, mehr oder weniger im bzw. sogar als Knacks zu existieren, das lässt Willemsen offen. Man könnte auch sagen: Diese Frage interessiert ihn nicht. Er will den Knacks finden, nicht verhindern.

Und dieser Knacks hört im Individuellen nicht auf. Nein, der Knacks ist überall! Er verläuft durch Beziehungen und Freundschaften, durch Gruppen und Mikrokosmen, ja, schließlich sogar durch ganze Gesellschaften, Kulturen, die Umwelt, die Welt. Er kann sowohl den allmählichen Niedergang einer Liebe als auch die Klimakatastrophe meinen. Er kann Einzel- oder Kollektivschicksal sein. Er kann politische Systeme ebenso befallen wie eine Fußballmannschaft oder die gesamte Menschheit. Denn auf all diesen Ebenen vollziehen sich Wandlungen, die mit Zersetzung und dem Nachlassen von Spannkräften zu tun haben. Überall dort wird mit Idealen hantiert, die von der Zeit abgeschliffen und einkassiert werden. Der „Knacks“ kann in seiner multiplen Verwendbarkeit sozusagen eine Scharniervokabel zwischen individuellen und sozialen Prozessen werden. Er bietet eine Folie an, auf der das Verschiedene vergleichbar, mithin diskutierbar wird, ohne es zwangsläufig zu vereinfachen.

Interessanter Weise ist Roger Willemsens Buch erschienen, kurz bevor eine ganze Kaskade an gesellschaftlichen Umbrüchen, Krisen und Wandlungen auf dem Plan standen. Die Finanzkrise von 2008, Occupy, Barack Obama, Arabischer Frühling, Gezi-Proteste, Stuttgart 21, TTIP, Pegida, Rechtspopulismus, Ukraine-Konflikt, Syrienkrieg, weltweite Fluchtbewegungen, Donald Trump, Polen, Ungarn, die Türkei, die EU – aus einer Zeit kommend, in der sich die westliche Welt noch zu großen Teilen intakt und überlegen wähnte, kippt dieses System zunehmend in einen Zustand, der mit dem Knacks wohl ziemlich treffend beschrieben werden kann. Die Europäische Union, die westlichen Demokratien, das transatlantische Verhältnis – alles überzogen von Rissen und begleitet von Fragen, wie: Wie ist das passiert? Wann hat es begonnen? Wodurch ist all das nicht geworden, was es hätte werden sollen?

Neben der bloßen Feststellung der Angeknackstheit von Mensch und Welt bietet Willemsens Konzept eine weitere reizvolle Besonderheit: Es stellt die Suche nach Kausalitäten in den Hintergrund. Wer dem Knacks auf den Grund gehen will, wird nicht bei den großen Ereignissen und Traumata fündig, sondern muss sich andere Geschichten vom Scheitern erfinden. Und das ist womöglich gar keine so unwichtige Aufgabe. Wie ändert sich der Blick auf Besorgnis erregende Vorgänge, wenn man sie nicht auf einzelne Auslöser zurückführt, sondern vielmehr nach Ermüdungserscheinungen, Abnutzungen oder Enttäuschungen Ausschau hält? Wird die Perspektive dann zarter? Phantasievoller? Oder fatalistisch? Deterministisch? Welches Leben führt man im Angesicht der Unvermeidbarkeit des Verlustes? Gibt es ein lebenswertes Leben im Knacks?

Bei Willemsen findet man ein paar Textstellen, die nahelegen, dass der Mensch überhaupt erst mit dem Knacks zu einem ernst zu nehmenden Individuum wird – so er ihn nicht krankhaft zu verleugnen versucht. In diesem Sinne wäre dann Europa vielleicht gerade erst erwachsen geworden.

Hier haben wir also ein weiteres Fragment. Eines, das vielleicht in das Kapitel „Umgekippte Landschaften“ gepasst hätte.

Vielen Dank.
ROGER: Es hört also auf. Es geht also los.
Schlimm, die Vorstellung, zurückgelassen zu werden oder selbst zurückzulassen.
Schlimmer, die Enttäuschung darüber, dass es nicht weh tut.

Knick: Aua!
Knack: Ja, Aua!
Kneck: Mensch, Aua! Wirklich!

Knick: Macht nichts.
Knack: Nein?
Knick: Nein. Macht nichts.
Kneck: Nein?
Knick: Nein.

Kneck: Wussten Sie, dass ein Mensch im Laufe seines Lebens durchschnittlich siebzig Liter weinen muss?
Knack: Nein.
Knick: Nicht aus mir.

ROGER: Er weint inzwischen schon seit längerer Zeit. Aber das zeigt er nicht. Es gibt eine Zeit in der ihm selbst die Wörter verblassen.

Knick: Macht nichts.
Kneck: Schau mal da!
Knack: In seinen Augen!
Kneck: Verblüffend.
Knack: Diese Beklemmung.
Knick: Aua!
Kneck: Es gibt dieses Kleinwerden vor fremden Erregungen.

ROGER: Ja. Das gibt es.

Knack: Ja. Und es gibt den Zustand, in dem man anfängt, sich gegen Erfahrungen zu verwahren.
Knick: Weil sie den Illusionen im Weg sind.
Kneck: Es geht ja erstmal nur ums Verfolgen.
Knack: Nicht darum anzukommen.

Knick: Macht nichts.
Knack: Nein?
Knick: Nein, macht nichts.
Kneck: Nein?
Knick: Nein.

Knack: Man kennt also nur Glück im Wachstum.
Knick: Und dann ist es mit einem Mal fertig.
Kneck: Aua.
Knack: Ja. Aua.
Knick: Mensch. Aua. Wirklich.

ROGER: Trauriger als der Eunuch, ist der Hoden des Eunuchen. Und sein Schrei, als die Kinder zu ihm schnellen um im Gras mit dem, was seiner Versehrtheit entsprang, zu spielen. Der Schrei der sich durch die Wunde Luft machte.

Knick: Klingt, wie wenn der Wind durch die leere Zukunft heult.
Kneck: Du wirst mir jedenfalls fehlen. Wenn es vorbei ist.
Knack: Ich hoffe du auch.
Knick: Das er auch vorbei ist?
Knack: Dass er mir auch fehlt.
Kneck: Wenn er geht?
Knack: Wenn es vorbei ist.
Knick: Damit was bleibt.
Kneck: Von allem.
Knick: Von ihm. Wenn es vorbei ist.
Knack: Damit was bleibt, von dem der vorbei ist.

ROGER: So kennen sich die Drei also jeweils doppelt. Noch nicht jetzt. Jetzt sind sie noch drei. Aber dann, wenn alle gegangen sind, jeder in seine eigene Richtung, stehen hier drei Andere.
Die, die weg sind, die Konturen und Hüllen unwiederbringlicher Personen. Diese Drei werden sich nicht kennen. Jeder der Abgegangenen kennt nur den, der da war und wiederum nicht den, der er selbst war, als er da war. Und so wird jeder die Abwesenheit der jeweils Anderen kennen lernen. Den einen vielleicht mehr, den anderen vielleicht weniger. Ganz nach dem, was bleibt.

Knick: Sie fehlen mir jetzt schon.
Kneck: Schon so lange.
Knick: Ich glaube Sie werden mir dann garnicht mehr fehlen.
Knack: Weil er ihnen jetzt schon so lange fehlt?
Kneck: Werden Sie mich zurücklassen?
Knick: Nicht Sie.
Knack: Das macht nichts.
Kneck: Macht nichts.
Knick: Nein?
Knack: Nein, macht nichts.
Kneck: Nein?
Knack: Nein.
Knick: Warten Sie?
Kneck: Nein.
Knack: Was machen Sie dann?
Kneck: Nichts.
Knack: Muss das hier sein?

ROGER: Als er nichts erwidert, überlegt er, ob das erlaubt ist. Nichts zu wollen. Die Kontinuität der Steigerungsbewegung bricht endgültig ab. Nicht die Aussenwelt, sondern die innere Erkenntnis angekommen zu sein, sie ist es, die es ein für alle Mal unmöglich macht weiter empfänglich zu sein und sich mit dem Glück weiter auszudehnen.

Knack: Wieder so ein Abend.
Knick: Wieder so ein Abend an dem ich mich nicht hinauswage.
Kneck: An dem ich mich nicht weiter herausbewege.
Knick: Weil es wieder einmal das Ende ist.
Knack: Oder das Ziel.
Kneck: Besser das Ziel.
Knick: Weil es wieder einmal das Ende der Bewegung ist.
Knack: Die Erwartungen zerfallen Schritt für Schritt.
Knick: Verblassen so wie wir sie erreichen.
Kneck: Aber nicht weil sie sich nicht einlösen könnten.
Knick: Sondern weil sie es tuen. Nicht weniger als erwartet. Nicht mehr als erhofft.
Knack: Und wenn es ausgeht, werden wir wieder fort sein.
Kneck: Und was dann bleibt ist das was von uns abhanden gekommen ist.
Knack: Was nicht wiederkommt.
Kneck: Das was fehlt.
Knack: Während wir zurückblicken, auf die die zuvor hier waren.
Kneck: Die, die wir vorher hier waren.
Knick: Wo werdet ihr sein?
Kneck: Nicht hier.
Knack: Nicht hier. Und du? Wo wirst du sein?
Knick: Nicht daheim. Ich jedenfalls werde nicht daheim sein.

ROGER: Der Kosmonaut Oleg Makarow hat einmal den Beginn von Unterhaltungen auf verschiedenen Weltraumflügen untersucht und festgestellt: Kein Kosmonaut konnte in die Umlaufbahn eintreten ohne Ausdruck tiefer Freude. Diese emotionalen Ergüsse dauerten durchschnittlich 42 Sekunden.

Kneck: Dann setzt auch die Beklemmung ein.
Knack: Angesichts des dünnwandigen Geschosses.
Knick: Des kalten Orbits, durch den man rast.
Kneck: vom eigenen Geist unwiederbringlich eingeholt.
Knack: In dem Moment in dem wir die Explosion des Raketenstarts hören –
Knick: der uns einholt. Weil wir für einen kurzen Moment schneller waren als der Schall unseres eigenen Aufbruchs.
Kneck: Weil wir für 42 Sekunden dem entkommen konnten, was uns hier her gebracht hat. Und es so lange ausdehnen konnten wie es für uns möglich war bis uns die Endlichkeit wieder erreichen würde.
Knick: und sich in einen Knacks verwandelt.

ROGER: Und sie müssen es wissen. Wer sein Leben mit dem Kampf gegen die Gravitation zubringt, beschneidet es zwangsläufig um andere Probleme. Deswegen strahlt ihre Schwerelosigkeit ab und über die Grenzen des im Abendprogramms benachbarten Fernsehkommissars hinaus, der auch mal die Zeitung liest oder sich mit seiner Frau streitet und so an die komplexe Welt ausserhalb der Berufsausübung erinnert.
Doch sie da, in ihrer ständigen Überwindung senden mit ihren Körpern einzig die Errungenschaft, den Triumph des defizitären Körpers aus. Inmitten einer bis an die Grenzen menschlichen Erfindungstums ausgebauten Hülle aus Aluminium, Keramik und Kunststoffen.

Kneck: Ein tröstender Befund.
Knack: tröstlich?
Kneck: Wenn schon nicht tröstlich, dann doch immerhin vergewissernd, dass alles so kommen wird wie es muss.
Knick: Und doch irgendwie unabsehbar.
Kneck: Macht nichts.
Knick: Nein?
Kneck: Nein, macht nichts.
Knick: Nein?
Knack: Nein.

ROGER: Schönheit und Unversehrtheit der Reisenden bleiben derweil Vorraussetzung für die drohende Zerstörung ihrer Körper durch Bruch, Schlag, Erstickung, Verbrennung. Ihr Vorrankommen buchstabiert den Weg einer frei gewordenen Explosion nach, in immer fortschreitender Beschleunigung, die erst dann in die Zeitlupe wechselt wenn das zu Verhindernde eintritt, um das Ende ihrer Mission in verzweifelten Details offenzulegen.

Knick: Dort gibt gibt es ihn also.
Knack: Den Fehler.
Kneck: Den Haarriss in der Oberfläche.
Knack: Umgeben von einem Mantel aus zarten, unauffälligen Rissen. Eingeschlichen über das Alter, über falsche Entscheidungen in der Kindheit, über Unaufmerksamkeiten der Verantwortlichen.
Knick: Der bleibt.
Knack: solange, bis er nicht mehr bleiben kann und die Hülle auf der er liegt, auflöst.
Kneck: Bis die Haut für einen kurzen Augenblick nur noch aus einer Sammlung an Rissen besteht.
Knick: Zusammengehalten von ihrem Träger, wie ein von Motten zersetzter Pullover.
Knack: Verbunden von einigen wenigen losen Nähten.
Kneck: Sie fehlen mir jetzt schon.
Knick: Ich hoffe du auch.

ROGER: Bruch für Bruch wird sichtbar in den folgenden Monaten. Materialermüdungen werden zu Indikatoren einer Unausweichlichkeit und traurigen Gewissheit dass das Ziel ihres Aufbruchs von Beginn an auch die Widerlegung technischer Zuversicht sein sollte.
Die Schubkraft der Überzeugung, das ist der Antrieb für außerordentliche Leistung. Doch leider: selbst Überzeugungen altern. Der Knacks war ihnen schon inheim, bevor ihre Kapsel an ihm zerbrechen würde. Und es sollte nicht der Schlag sein, der Ihnen das Ende bereitet, sondern das Nachgeben einer Vielzahl einzelner Brüche in der Oberfläche ihrer schützenden Haut.
An meine liebste Scheiterin,

Ich weiß noch, wann ich dich zum ersten Mal gesehen habe. Ich war ungefähr acht Jahre alt und du ein kleines bisschen ält¬¬er als ich. Du saßt auf dieser weißen Couch gleich neben Thomas Gottschalk, der für mich damals noch der lustigste Mensch der Welt war. Als ich dich sah, war ich mir sicher: „Mama, ich hab mich verliebt.“ Meine Mama lachte, wenngleich leicht erschrocken ob meiner Geschlechter-, wie auch sozialen Status-Präferenz. Es war keine leichte Liebe. Mein Vater weigerte sich deine Musik zu kaufen („So ein Scheiß kommt mir nichts ins Haus!“) und bei den Jungs konnte man mit dir auch nicht punkten. Und natürlich war da die Gefahr, dass ich älter werde und dich irgendwann vergesse, dass meine Liebe verblasst oder du wirklich mal einen scheiß Song veröffentlichst, der mir die Ohren öffnet.
Aber du hast es geschafft, dich aus dem banalen Fanhimmel in eine philosophische Erkenntnissphäre zu schwingen. Nein. Du bist nicht Madonna. Du bist nicht Justin Timberlake. Du bist nicht Pharrell Williams und du bist nicht Alicia Keys. Wie lächerlich wäre es, dich heute beim Super Bowl auftreten zu lassen. Du bist ein verglommener Stern, der einen guten Highlighter verwendet.
Was macht dich anders?
Du warst vielversprechend. Du warst ganz groß. Dein erster Hit, die Paparazzi, der Zungenkuss mit Madonna bei den MTV Music Awards 2003, ein eigener Film, eine Chart-Platzierung nach der anderen.
Es kam schleichend. Erst die Trennung von Justin, dann die 55 Stunden Ehe mit deinem Schulfreund, später dieses Urarschloch Kevin. Letztendlich kann keiner sagen, wann es angefangen hat. Wann es geknackt hat in deinem Leben und sich der Ast, auf dem du entlang geklettert bist, sanft nach unten bog. Du lagst auf dem Obduktionstisch sämtlicher Promishows, Magazine, sogar manche Nachrichtensendung berichtete von deinem sensationellen Abstieg. Ein Mensch aus der Bahn. Live. So vielversprechend und so gescheitert. Keiner konnte sagen, warum und wann. Da gab es keinen Schockmoment, nicht den Tag, von dem die Promiexpertinnen sagten: „Das änderte alles in ihrem Leben“. Es war eine feine Komposition aus Fehlern, fiesen Umständen, Amerika und der Missgunst der Menschheit.
Tagtäglich beglücktest du uns im Blitzlichtgewitter der Paparazzi mit neuen Skandalen und Tiefpunkten aus deinem Leben. Ach, lief das scheiße bei dir. Du nahmst das Leid der Menschen auf dich, du warst der Gladiator in der Arena, die ganze Welt sprach über deinen rasierten Schädel.
Und jetzt? Du behauptest zwar, du hast es wieder geschafft, du stehst da jetzt drüber, du bist wieder da. Du hättest gelernt aus deinen Fehlern und nach sieben Jahren Dürre folgen sieben fette Jahre. Du warst im Fitnessstudio, du benutzt Faltencreme und ein paar berühmte Producer schreiben chartverdächtige Songs für dich. Aber das stimmt doch alles nicht. Der Ast ist durch! Ganz hoch geht’s nicht mehr. Unter deiner blonden Mähe schimmern die abrasierten Stoppeln durch und jeder kann sie sehen!
Und genau deswegen, meine Liebe, genau deswegen bist du ein Phänomen für mich. Deine Biografie hat für immer einen Knacks. Und sie endete nicht im Suizid, sie ist weniger tragisch als die von Jim Morrison und Amy Winehouse, sie endete nicht mit 28 Jahren, sie läuft einfach humpelnd weiter. You’re not a girl, not yet a woman.

In ewiger Dankbarkeit

ein ironiefreier Fan.
Marlene Knobloch
Fotos: Alvaro Rodriguez
Tino Kühn