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Als uns Steffen Dobbert vor der ZEIT ONLINE-Redaktion in dunkelblauer Steppjacke und bedenklich wenigen Lebensjahren begrüßt, bin ich positiv geschockt. Bei „Kriegsreporter“ hatte ich eher an eine gemarterte Clint-Eastwood-Gestalt in Safari-Outfit gedacht, die eine Streifschusswunde an der Wange hat, und sich zu Mittag rohes Fleisch mit Whiskey bestellt. Stattdessen schlägt der junge Journalist einen neuen israelisch-palästinensischen Falafelladen vor. Ich, die ich erst vor 5 Tagen von einem Auslandssemester in Tel Aviv zurückkehrte, bin sofort Feuer und Flamme.
Steffen Dobbert war Auslandsreporter während des Ukrainekonflikts Slash Krise Slash Krieg. Noch so ein kritischer Kriegskonflikt, bei dem ich den Überblick verloren und immer noch nicht diese Phoenix-Reportage geguckt habe.
Wir bestellen Falafel- und Haloumniteller. Falk und ich übernehmen dabei den eher angenehmen Part des Essens, während der arme Steffen Dobbert den Part des Redens hat. (Die Fragen zum Krieg sind halt kurz, die Antworten eher lang und kompliziert.)

Er erzählt, dass er eigentlich Sportreporter war. Die Ukraine lernte er während der EM 2012 so gut kennen, dass er bei Ausbruch der Revolution unbedingt nach Kiew reisen wollte, auch wenn es diesmal nicht um Fußball ging und auch wenn er eigentlich gerade bei den olympischen Spielen in Sotschi berichtete. Aber: Er musste dorthin. „Ich konnte nicht mehr über Eiskunstlauf schreiben, wenn in Kiew hundertausende auf die Straße gingen“, sagt er. Und dann erzählt er von dem Ereignis, das alles veränderte, für die Ukraine und auch für ihn: der 20. Februar 2014, als knapp 100 Menschen auf dem Maidan erschossen wurden. In dieses historische Ereignis stolperte er zufällig. Reporterglück nennt er es, Riesenpech vielleicht andere.
Während er erzählt, wird klar: Krieg verändert und Krieg relativiert. Krieg relativiert Probleme. Er erzählt von seiner Wut auf den dicken, miesgelaunten Busfahrer, den er nach seiner Rückkehr am Flughafen Tegel trifft, von den sinnlosen Redaktionssitzungen, in denen über Genderendungen diskutiert wird, und dass er nach der Ukrainezeit erstmal eine Woche an die Ostsee floh.
In Gedanken schweife ich zu Israel. Ich bin jetzt 23 Jahre alt und lebte während all dieser Jahre in ziemlichem Frieden. In einem Deutschland, das sich an seine Nachbarländer kuschelte, während die Europäische Union eine wärmende Decke drüber legte. Revolutionen und Kriege passieren draußen, in der kalten Welt, die manchmal mit der Zeitung auf meinem warmen Toast landeten. Bis ich nach Israel reiste. In Israel spürte ich von Anfang an etwas, das größer als mein individuelles Leben war. Ich erinnere mich an einen Morgen, als Leute auf der Straße fragen, wie ich mich letzte Nacht verhalten hätte. Ich bin verwirrt und antworte unspektakulär, dass ich geschlafen hätte. „Was du hast es nicht gehört? Es war Kriegsalarm! Aber angeblich nur ein Fehlalarm!“, kichern sie. Ich weiß nicht, worüber ich mehr geschockt sein soll: Dass es Kriegssirenen gibt, dass sie gestern Nacht läuteten oder dass ich sie verschlafen hatte. Ich verschicke zum ersten Mal eine SMS meinen Nachbarn mit den Worten: „Can you please wake me up if there is a war?“
Ich lese jeden Morgen Nachrichten. In Deutschland lese ich von SPD-Parteitagen, von AfD-Parteitagen, vom Dieselskandal. In Israel lese ich von Raketenangriffen aus dem Gazastreifen, tödlichen Tunnelsprengungen, Messerattacken in der Westbank, Kriegsdrohungen aus und gegen den Iran. Als Trump findet, dass es eine gute Idee ist, Jerusalem als offizielle Hauptstadt Israels anzuerkennen, schicken mir meine Eltern SMS und verbieten mir vom deutschen Wohnzimmer aus, Tel Aviv zu verlassen, überhaupt solle ich doch mal zu Hause bleiben. In der Nacht nach Trumps Rede schlafe ich furchtbar, in meinen Träumen wurschtelt sich mein Unterbewusstsein Kriegsszenarien zusammen, eine schlechte Materialmischung aus Kubrickfilmen und Tagesschau-Einspielern. Als verschrecktes Wrack fahre ich am nächsten Tag zur Uni, auf meinem Schoß die Angst vor Terrorattacken, einer weiteren Intifada oder Luftangriffen. Auf dem Weg zu meinem Seminar laufe ich an den Ausschilderungen zur nächsten bombensicheren Schutzzone vorbei. Fast jedes Gebäude in Israel hat eine Schutzzone.

In den nächsten Wochen werde ich zwar gelassener und trotzdem spannt sich über meine persönliche Geschichte, die ich in Israel erlebe, eine größere, weltpolitische. Ein existentialistisches Gefühl. Ein Gefühl von: Auch wenn es echt blöd ist, dass es in meiner Wohnung durch die Decke regnet – der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ist noch blöder. Fast jeder meiner israelischen Freunde hat Opfer oder Verletzte aus Terrorattacken in der Familie. Und tatsächlich überträgt sich dieses Gefühl auf meine Handlungen: Ich denke weniger über kleine Entscheidungen nach, ich treffe schneller größere Entscheidungen, ich verwende wichtigere Worte, bin nachsichtiger nach Streitgesprächen, spreche öfter mit fremden Menschen, rauche mehr Zigaretten, gehe besser und teurer Essen, bin folglich noch chronischer pleite als in Berlin.

„Wenn du da bist, verändert das einen“, meint der junge Journalist, während er seinen Falafel in den Hummus taucht. Auch einige meiner israelischen Freunde waren im Krieg wie mein Freund Ido. Ich sitze mit ihm an einem warmen sonnigen Oktobernachmittag am Strand und er erzählt mir, dass er in den Gazakrieg musste.

Während ich im Sand wühle, frage ich fast beiläufig, ob er Menschen sterben sah. „Ja“, ist die knappe Antwort. Dann sagen wir beide lange nichts. Wir sind gleich alt, wir mögen beide Woody Allen-Filme, waren in denselben Clubs in Berlin und in Tel Aviv tanzen, begeistern uns für Philosophie und Literatur, er war im Krieg, ich nicht.
Marlene Knobloch

Auf eine Falafel mit Steffen Dobbert
Wir treffen uns mit Steffen Dobbert – ein echter Auslandskorrespondent, der in einem echten Krieg war. Denn was wissen wir schon über Krieg? Über Kriege? Über den Krieg?
Ich war 1989/90 in Ostberlin als die Mauer fiel. Natürlich kriegt man da was mit, auch als Sechsjähriger. Aber das verlief ja, wie man immer sagt, Gott sei Dank friedlich. Und anschließend wurden zwar ostdeutsche Landstriche leergefegt, aber nicht von Waffengewalt, sondern von einem wirtschaftlichen und sozialen Kahlschlag. Und die Leute starben nicht, sie gingen.
Dann noch der eine oder andere Urlaub in Gebieten, die latent von kriegerischen Auseinandersetzungen bedroht sind. Aber mehr als Wikipedia, Museen, Erzählungen von Einheimischen und langwierigen misstrauischen Befragungen bei der Ein- oder Ausreise war an Kriegstourismus nicht zu holen.
Insofern ist Steffen Dobbert meine direkteste Verbindung zu dem, was aktuell an vielen Orten dieses Planeten zu drohen scheint oder bereits im Gange ist. Er ist meine Abkürzung zum Krieg.
Für eine namhafte Zeitung berichtete er aus der Ukraine, als dort 2014 die Regierung unter Staatspräsident Wiktor Janukowytsch auf die Demonstranten schoss. Seitdem ist in diesem Land das ganze Scheitern der europäischen Einigung nach 1990 zu einem deprimierenden Bild geronnen.
Aber das sind die Allgemeinplätze meiner Filterblase. Steffen war wirklich da, als es passierte. Steffen hat – und darauf kommt es für diesen Text an – Menschen live vor seinen Augen sterben sehen. Er hat aus dem Fenster seines Hostels am Maidan mit angesehen, wie sich der ohnehin bereits gewaltvolle Konflikt zwischen Protestierenden und Regierung immer weiter zuspitzte bis die Staatsmacht im eigenen Volk nicht mehr nur Gefangene und Verletzte, sondern auch Tote machte. Ich kann mir diesen Schritt der Bereitschaft zum Töten nicht anders vorstellen als das Überqueren einer ganz grundsätzlichen Grenze: entweder man nimmt Tote in Kauf oder man tut es nicht; entweder man schießt mit scharfer Munition auf Demonstranten oder man belässt es bei Wasserwerfen, Gummiknüppeln und Tränengas – diesen verdächtigen Waffen mit angezogener Handbremse. Als Staatsmacht zum Töten bereit zu sein, das heißt in Kauf zu nehmen, dass Leichen auf den Straßen liegen. Und das ist ein großer, ein kategorialier, ein in gewisser Weise alles entscheidender Unterschied.
Aber solche trennscharfen Thesen sind natürlich Gedanken im Frieden am Schreibtisch. In einem Eskalationsprozess wie ihn die Ukraine damals erlebt hat, radikalisieren sich – so stelle ich es mir jedenfalls vor – die Zustände immer weiter, bis das Undenkbare denkbar wird und das Verbotene geboten erscheint. Aber hat man nicht eben dennoch immer diese Wahl: Töten oder nicht töten? Bin ich befugt das zu beurteilen?

Aber wir waren auf dem Maidan – bzw. wir ja eben nicht, sondern Steffen Dobbert. Der hat die kriegerische Grenzüberschreitung hin zum Töten in der Ukraine erlebt, verfolgt und darüber berichtet. Als er nach den folgenreichen Wochen im Februar 2014 nach Deutschland zurückkommt, kommt ihm vieles anders vor. So hat er es uns erzählt. Da ist gleich erst mal der Busfahrer am Flughafen Tegel, der nur schlecht gelaunt die Leute mitnimmt. Und dessen Frustration jetzt deplatziert wirkt. Da ist die Verwunderung über den selbstverständlichen Frieden hier, die Unruhe über die Ruhe in diesem Land. Und da ist das, was er nun selbst mit sich herumträgt und was man gern bedeutungsvoll-abgegriffen „Bilder des Krieges“ nennt. Zunächst wird Steffen Dobbert noch mehrmals in die Ukraine zurückkehren um die folgenden Monate weiter zu begleiten. Er wird sich verantwortlich fühlen für das Berichterstatten von dieser Revolution und von dem letztlich sich daraus entwickelnden „hybriden Krieg“ – so nennt man diese zeitgenössische Mischform von offenen und verdeckten, regulären und irregulären, symmetrischen und asymmetrischen Kampfhandlungen, wie man sie jetzt auch in der Ukraine vorfindet. Und irgendwann – so funktioniert die Ökonomie der Nachrichten und vielleicht ja auch die der menschlichen Aufnahmekapazität – ist das Thema Ukraine-Krieg erst mal von der Bildfläche verschwunden, auch wenn da natürlich gar nichts vorbei und verschwunden ist. Dieser Krieg ist jetzt keine Nachricht mehr.

Steffen Dobbert erzählt uns beim Essen in einem israelischen Imbiss davon, wie der Krieg die Menschen verändert hat, die er in der Ukraine im Laufe der Jahre mehrmals wieder traf: Der Hass, der jetzt tief in ihnen sitzt; die wachsende Einseitigkeit ihrer Perspektiven; ihre innere Unruhe.
Dobbert erzählt auch von einer Dolmetscherin, die ihn bei seinen Recherchen oft begleitet hat. Seitdem sie den Krieg in ihrem Land erlebt hat, reist sie nomadenhaft durch Europa und hat keinen festen Wohnsitz mehr. Sie hält es nicht mehr aus sich irgendwo länger aufhalten.
Kurze Zeit nachdem Steffen Dobbert seinen vorerst letzten Ukraine-Beitrag verfasst hat, steigt er ein Jahr lang aus seinem Beruf aus. Er braucht eine Auszeit, studiert noch mal und
schreibt eine Masterarbeit – über hybride Kriege.
Falk Rößler

Nicht auf dem Maidan
Die dritte Ausgabe von „hic@nunc“ widmet sich dem Thema „Krieg“.
Es rumort und brodelt auf der Welt. Der Ton zwischen Regierungen wird rauer. Militärausgaben steigen. Die Großmächte führen Stellvertreterkriege und Lösungen sind nicht in Sicht. Deutsche Beteiligungen an internationalen Kriegen sind zum Dauerzustand geworden. Und im Nachbarland herrscht seit zwei Jahren der Ausnahmezustand. Befinden wir uns in einer Eskalationsspirale? Wohin führt sie uns?
Es mag nicht sonderlich erbaulich sein, aber die Fragen liegen auf dem Tisch. Grund genug für Falk Rößler, sich zusammen mit der Journalistin und Moderatorin Marlene Knobloch auf ein Thema zu stürzen, das genauso groß wie besorgniserregend ist.
hic@nunc#3: Krieg
08./09.03.2018
Theaterdiscounter Berlin
mit Falk Rößler & Marlene Knobloch
Marlene Knobloch arbeitet als freie Journalistin und Moderatorin u.a. für ZEIT Online, Berliner Theatertreffen, Passauer Neue Presse, Film- und Literaturveranstaltungen, PiRadio. Sie studiert Deutsche Literatur und Medienwissenschaft in Berlin und arbeitet als Regisseurin und Assistentin an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.
Musik: Nils Weishaupt
„Ich stand in diesem Wellnesshotel
Und ich hatte das Gefühl
60 Jahre Frieden sind zu viel“
(Rainald Grebe)
„Wenn wir vom Frieden in Europa reden, reden wir von einem Frieden im Krieg. Krieg auf mindestens drei Kontinenten. Der Frieden in Europa ist nie etwas anderes gewesen. So wie der Faschismus eine weißglühende Episode in dem vielhundertjährigen kapitalistischen Weltkrieg war, ein geographischer Lapsus, Genozid in Europa statt, was die Norm war und ist, in Südamerika, Afrika, Asien.“
(Heiner Müller)
„Wichtig ist die Entwicklung von Strukturen, die Krieg wieder sinnvoll machen. In Konsequenz bedeutet das, dass der Krieg das letzte Refugium des sogenannte Humanen ist, denn Krieg ist Kontakt, Krieg ist Dialog, Krieg ist Freizeit.“
(Heiner Müller)
„Mit der Einführung der Waffe beginnt bereits die geistige Überlegenheit, die Stelle der rohen Muskelkraft einzunehmen.“
(Siegmund Freud)
„Verwandelt den Krieg der Völker in
Den Krieg der Klassen und
Den Weltkrieg in den
Bürgerkrieg, also bleibet beisammen und tragt
Den Krieg in euer eigenes Land, denn vor
Ihr euer Bürgertum nicht vertilgt habt, werden
Kriege nicht aufhören“
(Bertolt Brecht, „Fatzer“)
„Wie ist es möglich, dass sich die Masse durch die genannten Mittel bis zur Raserei und Selbstaufopferung entflammen lässt? Die Antwort kann nur sein: Im Mensch lebt ein Bedürfnis zu hassen und zu vernichten.“
(Albert Einstein)
Fotos: Katharina Seibt