hic@nunc#1: Wirtschaft
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mit Falk Rößler & Michael Hiersche
Musik: Nils Weishaupt


Vor der Tür.
Ich schaue nach oben – Gute Sonne. Warm und unverkäuflich. Naja. Challenge accepted.
Im Bus. Ticket ist zu teuer – und das Limit noch nicht erreicht.
Da ist Sie. Verdammt. Handy runtergefallen. Argh.
Mal sehen: Sie will ein Treffen. Wann? Wo packe ich sie rein? Wo?
Meeting halb sieben. JourFixe um acht.
Okay, Blocker um neun. Ort: tbd.
Agenda: tbd. Ja, den Ort, den Ort schicke ich noch.
Jetzt geht’s ans Eingemachte. Die großen Fragen, das BigPicture steht an. Sie will wissen, was als nächstes kommt – dazu muss ich sehen, was geplant war. Was hab ich kalkuliert? Wo müssten wir jetzt stehen? Kalkuliert auf – mal sehen: 5 ½ Jahre. 66 Monate. Ziel: Glück.
Wir stehen bei 3 Jahren und 3 Monaten. 39 Monate. Roadmap. Wie sah der Plan aus? Wo ist die Projekt Roadmap? Milestones checken. Etappenweise – was sind die Zwischenerfolge. Vom ersten Treffen bis zum heutigen Tag – was haben wir denn erreicht? Ziehen wir Bilanz. Neue Ziele stecken oder Stopp. Projekt Abbruch. Nun:
Erstes Halbjahr: Product Fit. => sportliche Figur, tiefer Blick, warme Seele => Check => solider Charakter, erdiger Stand, sehnsüchtiger Wille => Check => Leichter Gang und schwere Gedanken => Check. Product Fit.
Noch 8 Stationen , dann raus.
Erstes Jahr: Proof of Concept => Gleiche Ziele: Glück/Reisen/Essen => Check => Lebensraumteilung, Arbeitsteilung, Konfliktfähigkeit => Check => Lösungsorientierte Argumentationen, Ausnahmslose Rückendeckung beiderseitig, Lachen übereinander, ohne Verstecken und Ressentiments => Check. Die Concepts approved und fitten.
Noch 6 Stationen.
Zweites Jahr: Ende Initialisierungsphase. => Experimente erfolgreich, Ergebnisse des Zusammenlebens prozessualisiert und auf Umsetzbarkeit hin geprüft. Gemeinsame Wohnung. => Check => Kostenteilung => Check => Budget für Luxusartikel => Keiner hat das Gefühl, wirtschaftlich übervorteilt zu werden? => Check => Beide haben das Gefühl, dass die Beziehung sinnvoll ist zum damaligen Stand? => Check => Liebespotenzial vorhanden zum damaligen Stand? => Check => Nachtrag: Beziehung muss auf diesen Punkt hin kontinuierlich hinterfragt werden. Deep dive => Summary: Prozesse stehen. Bedingungen optimal. => Check
Noch 4 Stationen.
Drittes Jahr. Steady State. => Überprüfung der festgelegten Routinen: Haushalt. Arbeit. Freizeit. => Krise / Steady State gefährdet: Routine wird beziehungszermürbend. Projekt gefährdet durch festgefahrene Algorithmen. => Maßnahmenkatalog: 1. Beziehungs-Tag jeden Donnerstag. 2. Kino-Tag jeden zweiten Montag 3. Gemeinsame Urlaube/Reisen: 1x/pro Jahr Zeitinvest: 1-2 Wochen Budget: variabel nach Wirtschaftslage => Ergebnis: Erwartungen ausgetauscht, Krise gemeistert und positiv umgewandelt. Den Turnaround geschafft. => Check => interne Zwischenbilanzierung: Investitionen in Beziehung: Reisen, Kino, Restaurant-Besuche, Theater, Familie, Faulenzen, KPIs werden kontinuierlich erreicht. => Return of Invest über die Customer Lifetime Value. Projektstatus: rot/gelb oder grün? Ergebnis: gelbgrün. Grund: hoher Aufwand in monetärer und emotionaler Dimension. Unterm Strich: positive Bilanz. Liebeskontingent stagniert mit leichtem Zugewinn über die Zeitdimension. Beide finden Beziehung sinnvoll und ertragreich – gutes Gefühl beidseitig. Alternativen sind momentan keine Option. Wille zur Fortführung der Liebesbeziehung gegeben. => Invest rentabel. => Check.
Noch 2 Stationen:
Ausblick:
Viertes Jahr: Skallierung. => weitere Planung: Nachwuchs. Wie sinnvoll sind Kinder zum jetzigen Zeitpunkt? Welche Faktoren sind ausschlaggebend? Aufwand, Kapazitäten, Risiko? Wie viel Zeit muss investiert werden? Welche Kosten kommen auf uns zu? Reicht das Liebenskontingent bei den vorhersehbaren Risiken aus? Greift unser erprobtes Krisenmanagement erfolgreich? Vorbereitung schafft Sicherheit. Wie sähe die Exit-Strategie aus? Teilung der Güter? Teilung der Rechte/Verantwortlichkeiten/Pflichten? Wie teilen? Was danach? Alternativen zu dieser Beziehung? Meine Customer Acqusition Costs waren stets zu hoch für einen Neuanfang – ganz zu schweigen von meiner Conversion Rate. Was ist besser, im Falle des Projekt Abbruch in der Skallierungsphase. Neubeginn oder Krisenmanagement?
Skallierung.
Skallierung.
Ich bin angekommen. Aussteigen. Hab ich alles? Nichts vergessen. => Check.
Da sitzt sie. Beobachte sie durch die Fensterfront.
So anmutig wie einst. Ihre Lippen kräuseln sich wie Wellenbrecher in der Ostsee. Sie klappt die Speisekarte zu. Streicht prinzessinnenhaft über das Cover. Mit ihrem ehrlichen Blick bestellt sie einen Lambrusco. Der Kellner nickt ab – weiß nicht, wie ihm geschieht. Ich kenne diesen Blick der anderen auf sie – den, den sie nicht wahrhaben will. So bedeutend. So still und schwerwiegend.
Was ist das wert?
Ich nehme meine Tasche mit allen Infos und öffne die Tür zum Lokal.
Half of a letter
Tells half the story
The way I see it
It's half the worry
Where I came from
I forgot too soon
East of the sun
And west of the moon

Money talks
And hey, I'm listening
I've lived without it
Enough to miss it
Where I'm going
I'll get there soon
East of the sun
And west of the moon

Oh, I’ll never gonna get my way there
You know I wanna get there soon
Never gonna get my way there
‘til the desert grows a rose
East of the sun
And west of the moon

Another day leaves me aching
I try to wake up
But something's breaking
Here inside me
Deep and hollow
A sound that no other sound could follow
I know the pain
Before the wound
East of the sun
And west of the moon

Oh, I’ll never gonna get my way there
You know I wanna get there soon
Never gonna get my way there
‘til the desert grows a rose
East of the sun
And west of the moon


Aufstehen, laufen, kaufen.
Mein Frühstück mische ich aus Bio- und Dicounter-Müsli. Ich vereine die gute und die böse Welt und kippe Milch aus einer schlauchartigen Kreideverpackung darüber. Diese Milch hat es mir angetan. Ich habe keine Ahnung, ob sie wirklich frischer und besser schmeckt als der billigste Liter im Regal, aber die nostalgische, hochmoderne und regionale Verwurzelung zum Ausdruck bringende Milchverpackung überzeugt mich völlig. Ich bin dieser Milch aus der Uckermark willig ins Messer gelaufen.
Vorm hastigen Einstieg in die U-Bahn stehe ich an der Theke eines Snackpoints und halte kurz inne, bevor ich einen Kaffee bestelle. 320.000 Pappbecher werden pro Stunde in Deutschland weggeworfen. Der Weg zum Theater beträgt 15 Minuten. Im Theater gibt es Kaffee. Zuhause gibt es Kaffee. Aber auf dem Weg halt auch. Also: 320.001 für heute.
Die Bahnfahrt kostet im Rahmen eines 4er-Tickets 2,50 € pro Fahrt, also hin und zurück 5 €. Das entspricht dem Lohn für eine halbe Stunde Arbeit in unserer internen Berechnung. Die ewige Frage: das Risiko eingehen und Schwarzfahren oder einen ruhigen Puls für 2,50 €. Schwarzfahren sei kein Kavaliersdelikt, sagen manche. Öffentlicher Nahverkehr ist ein Grundrecht, sagen andere. Erwachsen, wie ich bin, entscheide ich mich gegen den Diebstahl, obwohl der Diebstahl reizvoll bleibt. Wenn man ein Produkt, das im Laden mit 1000 € ausgepreist ist, unentdeckt ohne zu zahlen nach draußen schafft, hat man plötzlich 0 € dafür bezahlt. Dass das klappt, ist ein Wunder – und zeigt die Fragilität des ganzen Konstrukts. Von dieser Magie lebt das Schwarzfahren.
Ein Freund schickt mir einen Song als MP3-Datei über einen Messenger zu. Diesen Song besitze ich jetzt. Ich kann ihn hören, kopieren, weiterverschicken. Keinen Cent hab ich dafür bezahlt. Es war gar nicht böse gemeint. Der Freund wollte mir einfach nur zeigen, was ihn gerade interessiert. Und ehe ich mich versehe, schlittere ich in eine rechtlich bedenkliche Handlung hinein. Meine in den Anfangszeiten des Internets herausgebildeten Nutzungsgewohnheiten und die Möglichkeiten der aktuellen Kommunikationstechnologie machen es mir leicht, die Angelegenheit für völlig normal zu halten.
Bei der Probe angekommen, bestelle ich zu Recherchezwecken eine DVD. Bewusst vermeide ich Amazon, die ich für böse halte, weil sie böse Dinge tun und noch bösere Dinge tun wollen. Stattdessen wähle ich den Anbieter buecher.de. Aber gehört buecher.de vielleicht längst zu Amazon und ich weiß einfach nichts davon? So wie Saturn und Media Markt längst die gleiche Firma sind, aber die Frechheit besitzen, auf dem Alexanderplatz 100 Meter voneinander entfernt jeweils einen Megastore zu errichten, sodass der Eindruck entsteht, man könnte sich zwischen zwei Anbietern entscheiden. Der freie Markt als Theaterstück. Der Eindruck der Wahl. Die Schimäre des besseren Konsums. Man weiß es nicht…
Mittagessen im Podewill gegenüber. Bacon-Cheeseburger mit vielen Pommes. Das heißt, ausreichend Material für einen vernünftigen Preis. Wir nehmen alle Drei dasselbe. Von irgendwoher kommt eine zurückhaltende diebische Freude darüber, jetzt ausgerechnet dieses Gericht zu bestellen. Vielleicht, weil wir ahnen, wie ungesund es ist? Oder weil man den Hauch der Maßlosigkeit daran genießt, die Spur der Dekadenz im Bacon-Cheeseburger?
Anschließend in der Probe coacht mich Michael bei meinem Verhandlungsgeschick. Er verbessert meine Skills. Ich lerne: mehr nachfragen und bei den Schilderungen vergangener beruflicher Schwierigkeiten nicht zu ausschweifend werden. Gute Lektionen. Wichtiges Feedback. Ich feedbacke Michaels Feedback und sein Verhalten im Rollenspiel. Wir haben viel voneinander gelernt und liegen uns in einer einträchtigen Feedbackschleife glücklich im Arm.
Auf dem Rückweg mit der Bahn (ich habe mich wieder fürs Bezahlen entschieden) hole ich das iPad heraus, das ich am ersten Probentag dieser Produktion gekauft habe. Eine richtig sinnvolle Investition, sage ich mir. Eine Anschaffung im Überschwang unter dem Vorwand vermuteter Notwendigkeit. Eine skurrile Mischung aus Lust- und Frustkauf. Der Senat Berlin hätte als einziger Förderer dieser Theaterreihe das Recht darauf, das Gerät nach Abschluss des Projekts einzubehalten. Ich hoffe, auf diese Idee wird der Senat Berlin nicht kommen. Das schuldbeladene Produkt – hergestellt in China, nur benutzbar unter Preisgabe meiner persönlichen Daten an einen multinationalen Konzern – soll bei mir bleiben.
100 Meter vor meiner Haustür steht ein Kebab-Geschäft. Abendessen von dort oder Abendessen daheim? Ist der Döner nicht eines der wenigen Gerichte, für dessen Preis man auch zuhause nicht günstiger essen könnte? Wie viel kostet eigentlich ein daheim gekochtes Gericht im Schnitt? Lass den Döner liegen, sage ich mir. Und zuhause angekommen, schnappe ich mir aus dem Kühlschrank einen Pflaumenjoghurt aus der Region. Etwas herb, nicht so süß, eigentlich ganz gut, denke ich. Als ich den Becher zu drei Viertel geleert habe, finde ich die Fruchtzubereitung, die unter dem Naturjoghurt verborgen lag. Ich habe das Produkt nicht verstanden – weder beim Kauf, noch beim Konsum.
Bin ich wirklich gewappnet für diese Welt?
Die Reihe „hic@nunc“ startet mit der ersten Ausgabe zum Thema „Wirtschaft“.
Kaum etwas anderem wird so viel Macht zugesprochen. Von kaum etwas anderem haben wir so wenig Ahnung.
Sind wir wirtschaftliche Analphabeten? Brauchen wir den langjährigen Call Center Agent und Sales Manager Michael Hiersche, um begreifen zu können, was uns bestimmt? Oder kann auch er uns nicht helfen und wir stehen vor Begriffen wie Derivatehandel, Staatsanleihe und Negativzinsen wie eh und je wie der Ochs vorm Berg?
Wirtschaft müsste man mal verstehen! Das wird ja wohl zu machen sein.
24./25.01.2017
Theaterdiscounter Berlin
Michael Hiersche, geboren 1983, studierte Kulturwissenschaft in Frankfurt (Oder), war Schauspieler und Moderator für Theater und Fernsehen, verdient sein Geld aber seit Ewigkeiten vor allem in Call Centern. Er weiß, was es bedeutet zu verkaufen und die nötigen Kennzahlen bringen zu müssen. Und er weiß, welche Menschen an den Telefonen landen.
East of the sun,
West of the moon
Wirtschaftstagebuch Micha, 21.01.2017
Wirtschaftstagebuch Falk, 20.01.2017